Ein Bericht von Bernd Rodewyk über seinen zweiten Einsatz als Kinderarzt in Kalkutta
Meine fünf Kolleginnen, die das ärztliche Team der German Doctors hier in Kalkutta komplettieren, sind zu Stadtbesichtigungstouren aufgebrochen. Das bedeutet, dass ich vollkommene Ruhe habe im Gemeinschaftsraum unseres Quartiers, das sich in Howrah, der Nachbarstadt Kalkuttas, befindet. Etwas bedauere ich die Kolleginnen, denn fünf Minuten nachdem sie sich auf den Weg von Howrah rüber auf die Kalkuttaseite gemacht hatten, hat der Regen eingesetzt und seitdem kaum einmal eine Pause eingelegt. Rodewyk_im Regen Vier Wochen bin ich jetzt in Kalkutta. Es ist mein zweiter Einsatz als Kinderarzt für die German Doctors. Aber der erste Einsatz liegt immerhin schon dreizehn Jahre zurück. Und seitdem hat sich hier extrem viel verändert. Nicht im Stadtbild, da geht es so erbärmlich und elendig zu wie eh und jeh; es ist eher noch fataler geworden, weil diese Stadt mit nun noch viel mehr Menschen angefüllt zu sein scheint. Alle angetrieben vom puren Willen zu überleben. Manche haben sich schon aufgegeben. DSC01371 Aber was die Struktur des Hierseins, des Sich-Einbringens in die Ambulanztätigkeit betrifft, da hat es eine enorme Verbesserung gegeben. Diese ist unter anderem dem Langzeitarzt Dr. Tobias Vogt zu verdanken. Noch vor der Abreise kann man sich mittels seines sehr praxisorientierten Skriptes „Medizin in Kalkutta“, ergänzt durch einen gleichlautenden Bildband, vorbereiten. Und doch erfährt man dann auch vor Ort, auf was alles man sich nicht hat vorbereiten können, was immer wieder nachgelesen und rekapituliert werden will: beispielsweise wieviel Einheiten Vitamin D bei Rachitis (Knochenerweichung), wie oft, wann wird wiederholt, was noch ergänzend? Aber Tobias frühstückt ja auch jeden Morgen mit uns und verliert nie die Geduld, sich unseren vielen Fragen zu stellen. Auch die Unterbringung ist jetzt eine gänzlich andere, seit die German Doctors Anfang 2012 ihr neues Domizil in der Andul road bezogen haben. Wenn sich dort erst einmal das große Metalltor öffnet, und wir in den Innenhof von „Ashaneer“ hineinfahren, dann weiß man, dass man seinen Frieden hat, den wir alle auch gut gebrauchen können, um uns zu regenerieren. Ashaneer ist ein Heim für Behinderte, das hier von Howrah South Point, der indischen Partnerorganisation der German Doctors, auf einem großen Campus, wo es jetzt auch die Wohnung der Einsatzärzte gibt, betrieben wird. Diese wunderbare Dachterasse, auf der man nach einem mühseligen Tag die Seele baumeln lassen kann!DSC01359
Ich gehöre dem Team an, das in der Woche vier verschiedene Ambulanzen, die über das Stadtgebiet Kalkuttas verstreut sind, anfährt. Am Freitag fahren wir sogar immer viele Kilometer weit entlang an Müllsammelstationen raus aus Kalkutta ins ländliche Grüne, sodass wir über eine Stunde lang unterwegs sind, bis wir schließlich in Bojerhat ankommen. Dieser Besuch musste vorletzten Freitag ausfallen, weil es dort im Zusammenhang mit Regionalwahlen Unruhen gegeben hatte. Immer wieder kommt es auch vor, dass wir auf Patienten treffen, die so schwer krank sind, dass sie umgehend stationär behandelt werden müssen. So war es dort auch am vergangenen Freitag. Da tauchte plötzlich eine Mutter mit ihrem zweimonatigen schwer herzkranken Säugling auf, der gleich zusammen mit einem unter Atmenot leidenden anderthalb jährigen Kleinkind mit operierter Fallotscher Tetralogie (Defekt in der Herzscheidewand) ins Shree Jain Hospital nach Howrah mit einem unserer Fahrer geschickt wurde. Einen Tag später konnten wir uns dort von der guten Betreuung überzeugen. Die Diagnose beim Säugling, angeborene Fehlbildung des Herzens, war zwar noch nicht gesichert, aber er lag ruhig atmend mit Infusion versorgt unter einer Sauerstoffhaube auf einer offenen Wärmeeinheit. DSC01534 Und das Kleinkind war auch medikamentös versorgt. Danach ging´s noch per Fähre über den Hoogli in die Altstadt von Kalkutta, wo wir unbeabsichtigt die St. John´s Church fanden, mit einer für Kalkutta-Verhältnisse ungewöhnlich gepflegten Parkanlage drumherum – ein Kleinod zum Verschnaufen. Angezogen von für unsere Ohren wohlklingender Klaviermusik lernten wir dort den Organisten John kennen, der nur zu gerne bereit war, uns ein kleines Privatkonzert auf dem Klavier (Freude schöner Götter Funken, Stille Nacht, heilige Nacht) zu geben. Diese zufälligen und gänzlich unerwarteten zwischenmenschlichen Begegnungen lassen Kalkutta dann und wann zu dem werden, wie es groß auf einer Plakatwand am Flughafen steht, zur „City of Joy“. DSC01541