Ein Bericht von Nicole Zeller über ihren Einsatz in Nairobi, Kenia

Schon nach meiner ersten Woche in Nairobi, fühlte ich mich wieder wie Zuhause. An meinem ersten Tag war es sehr schön in der Baraka – die Ambulanz der German Doctors im Mathare Valley Slum – all die bekannten Gesichter wiederzusehen. Zunächst habe ich die chronisch kranken Patienten versorgt (hoher Blutdruck, Diabetes, Epilepsie), wobei ich durch einen „Clinical Officer“ tatkräftig unterstützt wurde. Ich habe auch einige Kinder gesehen, was natürlich mein Kinderarztherz höher schlagen ließ.

Bei der Untersuchung, mit einem kleinen Patienten

Bei der Untersuchung, mit einem kleinen Patienten

Auch dieses Mal sollte während meines Aufenthaltes ein kleines Event stattfinden. Ein Fußballturnier, was auf dem Gelände der Deutschen Schule ausgetragen werden sollte, wurde geplant und es sollten sich auch einige Mannschaften von Deutschen Organisationen beteiligen. Einer meiner Kollegen war schon fleißig am Organisieren und Trainieren. Dabei schwärmten die Mitarbeiter immer noch von unserem Ausflug im letzten Jahr, als wir einen Spaziergang durch den Karura Forest gemacht hatten. Für das Teambuilding war das ein unglaublich wichtiger Tag. Aber dazu später mehr.

Die ersten zwei Tage nach meiner Ankunft verliefen ohne große Katastrophen oder Notfälle, so dass ich mich wieder ganz gemütlich einleben konnte. Doch mit der Ruhe war es bald vorbei. Ein junger Mann, der seit einem Tag Blut erbrochen hatte und blutige Durchfälle erlitt, musste reanimiert werden. Er befand sich im Volumenmangelschock, was bedeutet, dass die Menge des in den Gefäßen zirkulierenden Blutes durch starken Flüssigkeitsverlust abnimmt. Trotz einer Stabilisierung nach den Reanimationsmaßnahmen, Flüssigkeitsverabreichung und Adrenalin, verstarb unser Patient auf dem Weg in das Krankenhaus. Er hätte einfach dringend eine Bluttransfusion gebraucht.

Anschließend folgte ein Notfall dem anderen, allerdings nicht mehr in so dramatischen Ausmaßen.

Darüber hinaus gibt es auch immer wieder schlimme Geschichten: Da ist zum Beispiel ein junges Mädchen, was mit einem Tracheostoma – eine operativ angelegte Öffnung der Luftröhre – versorgt ist, nachdem es im Alter von fünf Jahren gewürgt wurde. Sie war ansonsten wohl recht normal entwickelt und ging sogar in die Schule. Letztes Jahr war dieses Tracheostoma dann wohl verrutscht oder verstopft, so dass sie einen Sauerstoffmangel erlitt und nun schwerstbehindert ist.

Auch die unterernährten Kinder werden leider nicht weniger. Ich habe einen kleinen Jungen untersucht, der mit einem Jahr und zwei Monaten nur fünf Kilogramm wog. Es erschüttert mich immer noch wie dünn Kinder sein können. Manchmal kommen mir einfach die Tränen in die Augen. Eine Familie mit drei Kindern kam zu uns und ich denke, das Problem ist einfach, dass sie zu wenig Essen haben. Der einjährige war gut gediehen und hat sieben Kilogramm gewogen. Aber seine Schwester, die zwei Jahre und acht Monate alt war, hatte weniger Gewicht als er. Sie war nur Haut und Knochen. Der noch größere Bruder sah eigentlich nicht unterernährt aus, aber bei genauerem Hingucken war zu erkennen, dass er dann doch Zeichen von Kwashiorkor – einer Form der Unterernährung – aufwies. Diese komplette Familie war zum Glück HIV-negativ, aber irgendwie ist es so traurig, dass es unterernährte Kinder geben muss nur weil zu wenig Essen da ist.

Bei einem gut gediehenen Baby, das völlig dehydriert und benommen war und somit Flüssigkeit brauchte, mussten wir eine intraossäre Nadel setzten. Beim zweiten Mal war dies auch erfolgreich. Es ist schön zu sehen, dass es den Kindern wieder besser geht, nachdem sie Flüssigkeit bekommen haben.

Mütter mit ihren Kindern

Mütter mit ihren Kindern

Dann kam ein 14-jähriges Mädchen zu uns in die Klinik, die im fünften Monat schwanger war. Bisher war die Schwangerschaft noch nicht bekannt. Sie ist eine Waise und wurde vergewaltigt. Sie war auf dem Land in Kisi, die Mutter ist schon vor vielen Jahren gestorben, der Vater letztes Jahr und irgendwer hat sie vergewaltigt. Nach ihrer Geschichte war es ein Mann beim Holzsammeln im Wald. Aber wer weiß, vielleicht waren es sogar Familienmitglieder, die sie einfach nicht verraten möchte, denn was nicht so ganz gestimmt hatte, war der Zeitpunkt. Nach ihrer Angabe dürfte sie erst im dritten Monat schwanger sein. Ich bin froh, dass wir einen „Child Protection Officer“ haben, der sich in diesen Fällen um die Schwangeren und die Kinder kümmert. Das Mädchen lebt momentan mit ihren Tanten zusammen, die auch sehr um sie besorgt sind und auf sie achten. Aber solche Geschichten nehmen mich immer ganz schön mit. Am darauffolgenden Tag hatte sie dann noch Malaria und starke Bauchschmerzen. Ich hoffe, dass es keine vorzeitige Wehen waren, aber gespürt habe ich keine. Geplant war, dass ich sie wiedertreffe und wir dann sehen wie es ihr geht. Doch sie kam leider nicht mehr in die Baraka. Ich hoffe mal, es geht ihr dennoch gut. Unser „Child Protection Officer“ hat ihre Telefonnummer und wird sie vorsichtshalber anrufen.

Kinder im Mathare Valley Slum

Kinder im Mathare Valley Slum

Zum Screening von Kindern fuhren wir nach Mathare. Dort kann man in kurzer Zeit relativ viele Kinder sehen und bestellt die Kranken in die Baraka ein. Tatsächlich kamen am darauffolgenden Tag auch fast alle wieder, die wir einbestellt hatten. Die Hütten, in denen wir arbeiten, sind oft dunkel, die Kinder schreien. Wir sitzen alle nebeneinander in einem großen Raum. Manche mögen das ja gar nicht, aber ich liebe es. In kurzer Zeit kann man so viele Kinder sehen und die Unterernährten und Schwerkranken aus der Menge schnell herausfischen.

Schließlich fand auch das auf dem Gelände der Deutschen Schule angekündigte Fußballspiel mit Mannschaften deutscher Organisationen statt. Die German Doctors hatten natürlich auch ein Team gestellt und wir hatten definitiv den tollsten Fanclub dabei. Auch wenn es auf dem Bolzplatz den ganzen Tag sehr heiß war, hat das Spiel sehr großen Spaß gemacht. Die Stimmung war einfach genial. Ein bisschen traurig waren wir dennoch, als wir beim Elfmeterschießen im Halbfinale ausschieden. Aber wie heißt es so schön: Dabeisein ist alles.