Ein Bericht von Martina Bork über ihren Einsatz in Kalkutta, Indien

 Seit zwei Wochen bin ich wieder in Kalkutta als Ärztin in den Slums unterwegs. Da es mittlerweile mein vierter Einsatz in Indien ist, war es ein wenig wie „nach Hause kommen“. Die Menschen mit denen ich arbeite, sind mir bekannt und ich freue mich sie wiederzusehen. Wir sind sechs Ärzte hier, die jeweils sechs Wochen in den Ambulanzen arbeiten, in Teams von zwei bzw. drei Kollegen. Dieses Jahr bin ich mit dem „Tikiapara-Team“ im Einsatz und fahre zu vier verschiedenen Einsatzorten in den Slums von Howra und Kalkutta, was zum einen Anfahrtswege von über einer Stunde bedeutet, aber auch, dass ich viel von der Stadt und der entsprechenden Umgebung der Arbeitsplätze zu sehen bekomme.

Wartende Patientenschlange

Wartende Patientenschlange

Die Patienten, die sich die Konsultation bei einem indischen Arzt nicht leisten können, machen sich teilweise schon in der Nacht auf den Weg, um rechtzeitig vor Ort zu sein, da wir immer nur eine begrenzte Anzahl am Tag (max. ~150 Patienten) behandeln können und drei der vier Ambulanzorte auch nur einmal pro Woche angefahren werden. Bei den jetzigen Temperaturen bedeutet das stundenlanges Warten in der Kälte. So war es kaum verwunderlich, dass viele Patienten über Symptome wie „cough and cold“ – Husten und Schnupfen – klagten. Die extreme Kälte (nachts nur 8°C) war auch der Grund, warum die Patientenzahl vorübergehend sank. Mittlerweile ist es aber wieder warm geworden und der Andrang groß.

Die Menschen müssen sich in verschiedenen Reihen – getrennt nach Geschlechtern –aufstellen und werden zunächst „gestempelt“. Nur wer morgens rechtzeitig da war, wird später auch angeschaut. Schwerkranke Patienten werden mit einer Kappe gekennzeichnet und vorgezogen.

Das morgendliche Stempeln

Das morgendliche Stempeln

Außer den Erkältungskrankheiten ist nach wie vor die Tuberkulose in allen Ausprägungen (außer Lungen-, Wirbelsäulen-, Abdominal- und Zerebrale Tuberkulose) ein Hauptproblem und für uns „Ärzte aus der Zivilisation“ nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich. Mit Dr. Tobias Vogt – dem Langzeitarzt – haben wir aber einen Spezialisten vor Ort, der uns sehr engagiert unterstützt.

Für mich als Kinderärztin sind die extrem unterernährten Kinder wie auch die Mentalität der Eltern immer wieder erschreckend. Die Frauen stillen ab und füttern Flaschenmilch – mit nicht abgekochtem Wasser angerührt und extrem verdünnt – sodass die Kinder nicht zunehmen können. Sie kommen auch nicht zu speziellen Ernährungsprogrammen, obwohl diese kostenlos sind. Häufig sind dies Mädchen, die den Familien sowieso nur „Geld kosten“. Im Vergleich zu den Vorjahren ist dies aber seltener geworden ebenso wie die Begleiterscheinungen der Unterernährung wie Vitamin A-Mangel, Rachitis und Anämien. Da macht sich die seit einigen Jahren forcierte Prävention mit regelmäßiger Vitamin-, Zink- und Eisensubstitution doch deutlich positiv bemerkbar, die auch konsequent fortgeführt werden sollte. Trotzdem gibt es immer noch die Erkrankungen, die wir zu Hause nur noch aus Lehrbüchern kennen. Genauso wichtig sind die Basisimpfungen, die regelmäßig und ebenfalls kostenlos durchgeführt werden, sodass vor allem Polio, Masern und die Tuberkulose irgendwann hoffentlich ausgerottet sein werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Die sogenannten Tropenerkrankungen wie Malaria, Dengue-Fieber, Typhus, etc. sind momentan nicht aktuell, da es noch zu kalt ist, was sich aber in den nächsten Wochen bei rasch steigenden Temperaturen sicherlich wieder ändern wird.