Die Welt ist zusammen gerückt und doch wissen wir oft viel zu wenig aus dem Alltag der Menschen vor allem in der Dritten Welt. Wie kaum andere kennen Ärzte, die in den Slums der Megastädte Asiens und Afrikas arbeiten, diesen Alltag. In diesem Artikel berichtet Dr. Annette Weimann von ihren ersten Tagen in Dhaka für die Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors. Seit 1989 arbeiten wir in Dhaka und waren zunächst an das Hilfsprogramm des Notre Dame College der Holy-Cross-Fathers angebunden. Seit 1996 arbeiten wir selbstständig. Seit 2004 bewohnen wir das Gebäude in Manda und arbeiten auch dort. Die Slums befinden sich teilweise auf Privatgelände, wo die Bewohner oft hohe Platzmieten an dubiose Besitzer abführen müssen, oder längs der Bahnlinie, wo das Gelände angeblich der Bahn gehört. Immer wieder wurden Slumbereiche eingeebnet und die Bewohner vertrieben. Selbst dort, wo wir Trinkwasserpumpen und Latrinen gebaut hatten, um den im Slum lebenden Bewohnern ein Minimum an Hygiene zu ermöglichen, wurden die Slums in teilweise nächtlichen Aktionen platt gewalzt und die Bewohner vertrieben. Inzwischen versorgen wir die folgenden Slumbezirke in Dhaka: Kilgoan I, Kilgoan II, Moqbazar, Gandaria, Korail und halten an drei Nachmittagen Sprechstunden in dem Gebäude in Manda ab. Unsere Patienten stammen aus den untersten Schichten, die Mehrzahl lebt in Slums; viele gehören zu den Familien der 400.000 Rikscha-Fahrer der Stadt, die, wenn es gut läuft, 200 Taka am Tage verdienen von denen sie aber 75 Taka an den Besitzer der Rikscha abgeben müssen.

„Ich war erst ein paar Tage in Dhaka und hatte mich grade erst vertraut gemacht mit dem Alltagsablauf: Nach Ankunft in dem jeweiligen Slumgebiet erfolgte erst ein kurzes teaching für die Patienten, dann erst begann die eigentliche Sprechstunde.

Ich hatte noch nicht gelernt, mit der Neugierde der Slumbewohner zu rechnen, und ging natürlich fest davon aus, daß sich nur wirklich Kranke in der Sprechstunde melden würden. Eine der ersten Patientinnen war eine sehr schmächtige Frau mittleren Alters in einem sauberen, aber zerrissenen Sari. Weshalb sie denn komme? „Kashi“. Ich hatte schon einige Worte Bengali gelernt und verstand: Husten. Angesichts ihres ausgemergelten Körpers dachte ich sofort an Tuberkulose. Um zu unterscheiden, ob es vielleicht auch eine bakterielle Krankheit sein könne mit dann meist grüngelbem Auswurf, fragten wir sie nach der Farbe des Auswurfs und erhielten zur Antwort: „lal“. Beide, meine Dolmetscherin und ich, guckten sie verdattert an: Blau? Einen kurzen Moment zögerte die Patientin und blieb aber dann fest bei ihrer Aussage. Meine Dolmetscherin wandte sich an mich und sagte: „Doctor, I think she not ill. I think she only want look at new German Doctor!“ Ich pflichtete ihr bei, hier wollte jemand nur gucken, wer da Neues aus Europa gekommen war. Da sie jedoch so enorm untergewichtig war, versorgte ich sie mit einigen Vitamintabletten und Eisentabletten. Wir wissen ja, daß fast jeder 4. Mensch in den Slumgebieten massiv blutarm ist, da sich diese Menschen kein Fleisch leisten können. Sichtlich zufrieden zog die Frau von dannen. Ich habe sie in den nächsten 8 Wochen nicht wieder gesehen.